Das Thema wird immer wichtiger. Warum?

Auszug aus dem – sehr empfehlenswerten – Buch „Tanner geht. Sterbehilfe – ein Mann plant seinen Tod“ von Wolfgang Prosinger, S. Fischer Verlag 2008 (ISBN 978-3-10-059030-5), Seite 40:

„Dass das Thema in diesen Jahren so sehr in den Vordergrund gerät, hat drei Hauptgründe. Zum einen ist es eine Folge der enormen Zunahme ärztlicher Künste. „Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer“, schrieb der Schriftsteller Hermann Kesten, „man ist sich seines Todes nicht mehr sicher.“ In der Tat ist das natürliche Sterben die Ausnahme geworden, es macht mittlerweile höchstens ein Drittel aller Todesfälle aus. Man stirbt nicht mehr einfach an Altersschwäche wie früher, als der Tod das Unvorhersehbare war: Du kennst nicht Tag noch Stunde. Heute scheint das Sterben – wie die Geburt – in die Verfügungsgewalt des Menschen gegeben zu sein. Der Tod als planbares Ereignis, als Option. Deshalb findet er auch selten mehr zu Hause statt, achtzig Prozent der Sterbefälle ereignen sich in Krankenhäusern oder Pflegestationen – obwohl wiederum achtzig Prozent der Menschen angeben, zu Hause sterben zu wollen. Der Tod ist damit weitgehend aus dem Alltagsleben verdrängt worden. […]

Auch allzu große Trauer zu zeigen gilt mittlerweile meist als wenig schicklich. Sie stört. Gefasstheit ist gefordert, ein längeres Aussteigen aus dem Produktionsprozess undenkbar. […] Der Wandel ist mit einer ungeheuren Geschwindigkeit vor sich gegangen, jahrtausendealte Gewohnheiten und Gewissheiten sind überholt. Eine Veränderung, die mit der gesellschaftlichen Säkularisierung zu tun hat, sehr viel aber auch mit dem medizinischen Fortschritt. Die Intensivmedizin hat es erreicht, die natürlichen Sterbevorgänge von Grund auf zu verändern. Das Leben ist als künstliches Leben verlängerbar – im Prinzip nach Belieben. Zur Frage steht allerdings, was dabei eigentlich verlängert wurde: das Sterben oder das Leben? Eine besondere Rolle spielte bei dieser Entwicklung die Erfindung der so genannten PEG-Magensonde in den achtziger Jahren. Zuvor war künstliche Ernährung schwierig, brachte viele hygienische Probleme mit sich, weshalb sie meist nur kurzfristig in Krisensituationen angewendet wurde. Heute kann sie jahre- und jahrzehntelang eingesetzt werden. Etwa 140.000 Ernährungssonden werden jedes Jahr in Deutschland gelegt. Der Tod kommt wegen all der medizinischen Errungenschaften nicht mehr einfach, immer öfter muss ihm eine Entscheidung vorausgehen, ob er eintreten soll oder nicht. […]

Der zweite Grund, warum Sterbehilfe ein so allgegenwärtiges Thema geworden ist, hat etwas mit dem demographischen Wandel zu tun. Die Gesellschaft in Deutschland, wie die in anderen europäischen Staaten auch, wird mit geradezu rasanter Geschwindigkeit eine Gesellschaft der Alten. Mitte des Jahrhunderts wird jeder dritte Deutsche jenseits der fünfundsechzig sein. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt dann laut Statistischem Bundesamt bei 84,5 Jahren für Frauen und bei 80,5 Jahren für Männer.  […] Noch Eindrucksvoller sind die prognostizierten Zahlen bei den Spitzenwerten. Die Achtzig- und Neunzigjährigen werden den am schnellsten wachsenden Teil der Bevölkerung stellen. Heute sind 3,8 Prozent der Deutschen älter als achtzig. Im Jahr 2050 werden es 11,3 Prozent sein. Aber man muss gar nicht in die Zukunft schauen, die Veränderungen sind schon heute dramatisch: 1965 lebten in Deutschland 8095 Menschen, die älter als 95 waren. Im Jahr 2000 waren es etwa 114.000. […] Kein Wunder, dass bei solchen Perspektiven Zukunftsängste genauso wachsen wie die Zahl von Personen, die sich der Pflegebedürftigkeit nicht ausliefern wollen. Der Lebensabend wird zum Lebensabschnitt der Bedrohung: Jede dritte Selbsttötung in Deutschland wird von Menschen jenseits der 65 vorgenommen. Solange eine menschenwürdige Pflege nicht gesichert werden kann, solange in den wenigsten Heimen Schmerzmedizin angewandt wird, solange dort allzu oft Alte vereinsamt, ohne Hilfe und Trost sterben müssen, so lange wird die Diskussion um die Sterbehilfe zunehmen.“   [mehr zum Buch: Amazon]

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Weitere Informationen zum Thema Künstliche Ernährung am Lebensende finden Sie hier

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16 Antworten zu “Das Thema wird immer wichtiger. Warum?”

  1. Info-Portal zu Sterbehilfe und Palliativmedizin - Rechthaber GERMANY sagt:

    […] Das neue Portal http://www.sterbehilfe-info.de bietet verlässliche Informationen zu den Themen Patientenverfügung, Sterbebegleitung, Sterbehilfe und Palliativmedizin. Die Autoren sind erfahrene Ärzte, Anwälte, Notare und Betreuer von Demenzpatienten. Sie stellen hilfreiches Hintergrundwissen zur Verfügung, ohne Partei für einen bestimmten moralischen oder gar religiösen Standpunkt zu ergreifen. Als Einstieg empfehlen wir den Beitrag: “Sterbehilfe: Das Thema wird immer wichtiger. Warum?“ […]

  2. Aktive und passive Sterbehilfe: Was heißt das eigentlich? - Beitrag - Sterbehilfe-Info sagt:

    […] Das Informationsportal zu Sterbehilfe, Sterbebegleitung & Palliativmedizin « Das Thema wird immer wichtiger. Warum? Literaturhinweise […]

  3. Darf ein Arzt beim Suizid helfen? - Beitrag - Sterbehilfe-Info GERMANY sagt:

    […] Wie soll sich ein Arzt verhalten, wenn sein todkranker Patient den wohl überlegten und ernsthaften Wunsch äußert, sich selbst zu töten? Beihilfe zur Selbsttötung ist in Deutschland zwar straflos, Ärzten aber berufsrechtlich untersagt. Der renommierte Mediziner Gian D. Borasio, Inhaber des Lehrstuhl für Palliativmedizin an der LMU München, nimmt dazu in einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung vom 3.8.2010 Stellung. Weitere Informationen finden Sie hier und hier […]

  4. Dürfen Ärzte beim Selbstmord helfen? - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” […]

  5. Ist eine Patientenverfügung sinnvoll? - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] & Regensburg Weitere Beiträge und Links zu diesem Themengebiet: – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Darf man Patienten verhungern lassen? Zwangsweise künstliche Ernährung bei Demenz und […]

  6. Beihilfe zum Selbstmord verletzt nicht mehr ärztliches Berufsrecht - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] Begründung. Weitere Beiträge zum Thema Sterbehilfe: – Darf ein Arzt beim Suizid helfen? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Darf man Patienten verhungern lassen? Zwangsweise künstliche Ernährung bei Demenz und […]

  7. Ermäßigter Umsatzsteuersatz für Sondennahrung (Künstliche Ernährung) - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] Ernährung: Entscheidungsdiagramm Prof. Borasio – Sterbehilfe:  Eine Begriffsklärung – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Darf man Patienten verhungern lassen? Zwangsweise künstliche Ernährung bei Demenz und […]

  8. Patientenverfügung für den Fall “Wachkoma” - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sowie in diesen Beiträgen: – Ist eine Patientenverfügung sinnvoll? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  9. Sterbehilfe: Eine Begriffsklärung - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sowie in diesen Beiträgen: – Ist eine Patientenverfügung sinnvoll? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  10. Musterformulare für Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sowie in diesen Beiträgen: – Ist eine Patientenverfügung sinnvoll? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  11. Mustertexte “Generalvollmacht” und “Vorsorgevollmacht” - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sinnvoll? – Aktive und passive Sterbehilfe:  Was bedeuten die Begriffe eigentlich? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  12. Harsche Kritik an “Christlicher Patientenverfügung” - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sinnvoll? – Aktive und passive Sterbehilfe:  Was bedeuten die Begriffe eigentlich? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  13. Expertenvortrag Patientenverfügung und Medizin am Lebensende (PDF-Download) - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] Website in der Rubrik Publikationen. Weitere Beiträge und Links zu diesem Themengebiet: – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  14. Patientenverfügung: Infoabend mit Klinik-Chefarzt und Anwalt - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] Beiträge und Links zu diesem Themengebiet: – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  15. Gesetzesänderung bei Zwangsmaßnahmen: Vorsorgevollmachten sollten angepasst werden - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] Beiträge und Links zu diesem Themengebiet: – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

  16. Neue Broschüre “Patientenverfügung” des Bundesjustizministeriums - Rechthaber UNITED STATES sagt:

    […] sinnvoll? – Aktive und passive Sterbehilfe:  Was bedeuten die Begriffe eigentlich? – “Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” – Gemeinsame Charta zur Behandlung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland – Darf […]

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