Dignitas, Dignitate und Exit: Die so genannten Sterbehilfeorganisationen

Einige Fakten als Diskussionsgrundlage:

Ein ärztlich begleiteter Suizid ist in Deutschland nicht erlaubt. Zwar ist Beihilfe zur Selbsttötung nicht strafbar, doch verbietet das ärztliche Berufsrecht deutschen Medizinern einen „assistierten Suizid“ (siehe: „Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung„). Zudem muss jeder, der bei einem Suizidversuch anwesend ist, bei Eintritt der Ohnmacht des Patienten sofort lebensrettende Maßnahmen einleiten. Andernfalls macht er sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Ist man sogenannte Person in „Garantenstellung“ (also naher Angehöriger oder Arzt), kann man sogar wegen Totschlags durch Unterlassen bestraft werden, eine deutlich höhere Strafdrohung als bei unterlassener Hilfeleistung. Die Konsequenz: Der „Helfer“ muss den Sterbewilligen verlassen, bevor dieser das tödliche Präparat einnimmt (so agiert auch Roger Kusch)…

Ein deutscher Arzt wird also – auch bei ausdrücklichem Wunsch des Patienten – kein tödlich wirkendes Präparat verschreiben. Anders ist dies in der Schweiz. Deshalb reisen jährlich etwa hundert Deutsche in die Schweiz, um sich dort das Leben zu nehmen.

Die Organisation „Dignitas“ bietet dabei unterstützende Dienstleistungen an, insbesondere vermittelt sie Kontakt zu Ärzten, die bereit sind, das tödliche Präparat zu verschreiben, und stellt Räumlichkeiten für die Selbsttötung zur Verfügung. Rechtsgrundlage ist Artikel 115 des Schweizer Strafgesetzbuchs: „Wer aus selbstsüchtigen Beweggründen jemanden zum Selbstmorde verleitet oder ihm dazu Hilfe leistet, wird, wenn der Selbstmord ausgeführt wurde, mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.“ Im Umkehrschluss bedeutet das, die Beihilfe zur Selbsttötung ist straffrei, wenn sie nicht aus eigennützigen Motiven erfolgt.

Bereits 1982 entstand der schweizer Verein „Exit“, der heute etwa 50.000 Mitglieder hat. In den neunziger Jahren begleitete der Verein pro Jahr etwa 30 Menschen in den Freitod. Seit 2000 steigen die Zahlen, heute sind es etwa 150 Personen im Jahr. „Exit“ begleitet – bis heute – nur Personen mit festem Wohnsitz in der Schweiz.

Der Zürcher Anwalt Ludwig Minelli änderte dies. Das frühere „Exit“-Mitglied trennte sich 1998 im Streit und gründete in Zürich den Verein „Dignitas“. Sein Argument: „Die Menschenrechte dürfen nicht an der Schweizer Grenze enden“. „Dignitas“ hat Stand 2008 etwa 6.000 Mitglieder. In den zehn Jahren seit Gründung 1998 hat „Dignitas“ 920 Menschen zum Sterben verholfen, darunter 540 Deutschen. Die Zahl der Ausländer (vor allem Deutsche, Briten und Franzosen), die zur Selbsttötung in die Schweiz fahren, steigt sei 2000 kontinuierlich.

Seit 2005 existiert unter dem Namen „Dignitate“ eine deutsche Filiale von „Dignitas“, mit Büro in Hannover. 2007 kündigte „Dignitate“ an, künftig auch in Deutschland eine Sterbebegleitung durchzuführen, auch um eine juristische Klärung zu provozieren. Dies sorgte für empörte Reaktionen von Politikern und kirchlichen Organisationen (Süddeutsche Zeitung vom 18.11.2007). Das Thema wird seither extrem kontrovers diskutiert. Auch in der Schweiz ist der „Sterbetourismus“ aus Deutschland heftig umstritten. Dignitas hat in letzter Zeit Schwierigkeiten, Räume für die Selbsttötung anzumieten, so dass einige Sterbewillige den Suizid im Autos durchführten. In Deutschland verlagerte sich die Medienaufmerksamkeit im Jahr 2008 auf „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“.

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Eine Antwort zu “Dignitas, Dignitate und Exit: Die so genannten Sterbehilfeorganisationen”

  1. Roger Kusch beendet Sterbehilfe - Beitrag - Sterbehilfe-Info sagt:

    […] Roger Kusch hat erklärt, bis auf weiteres keine Sterbehilfe mehr zu leisten. Er beugte sich damit dem Urteil des Hamburger Verwaltungsgerichts, das ihm vor zwei Wochen die Beihilfe zum Suizid untersagt hatte. Kusch stand unter starker Kritik seitens Politik, Ärzteschaft und Kirchen. Nach Ansicht der Deutschen Hospiz Stiftung gab – neben dem Risiko strafrechtlicher Konsequenzen – vor allem der öffentliche Druck den Ausschlag, dass Kusch “seine menschenverachtende Suizidvermittlung” nun einstellt. Weitere Hintergrundinformationen zu Roger Kusch sowie zu den Sterbehilfeorganisationen Dignitas, Exit und anderen […]